"Die Blindenreporter" (VfL-Magazin der Ruhr Nachrichten)

Die Blindenreporter beim VfL Bochum: Markus Bliemetsrieder (rechts) und Martin Feye. Foto Jens Lukas

Von Jens Lukas
Markus Bliemetsrieder ist ein Viel- und Schnellsprecher. Das muss er auch, denn der 42-Jährige kommentiert in den Stadien des VfL Bochum und von Borussia Dortmund die Spiele für Sehbehinderte.
Martin und Ulrike auf der Bochumer Tribüne sehen nicht, dass der Ball wieder rollt und wo, aber dafür haben sie Markus Bliemetsrieder, den Blindenreporter: Er hat seine Augen überall, sie haben seine Stimme im Ohr. Und das geht unter den Kopfhörern vor Fußballbegeisterung über. Bliemetsrieder nämlich redet ohne Punkt und Komma, er hastet mit Worten über den Platz, schneller als die Stürmer mit ihren Füßen. Er ist der Dieter Thomas Heck des Stadions. „Einwurf rechts, zehn Meter bis zur Mittellinie auf die rechte Abwehrseite, mit der Brust angenommen, mit dem linken Fuß abgespielt..“ „Das ist 1A, wie der kommentiert“, lobt Christopher Weißenborn und ist dabei selbst etwas atemlos. Leistungssport, nicht nur auf dem Platz, Daniela Schmidt sagt es so: „Wir sind immer auf Ballhöhe.“
Das war anders, bevor die Bundesliga-Vereine ihre Blindenreporter etablierten. Da genossen die Sehbehinderten zwar die Atmosphäre. Aber nur von Fan-Gesängen wusste man ja nicht, was auf dem Spielfeld passiert. Der Kommentator ist wirklich ein Segen.
Markus Bliemetsrieder, der als freier Journalist und Moderator arbeitet, fing 2005 an wie alle Anfänger. Er sagt: „Ich wusste nicht, was die Blinden brauchen.“ Also fragte er sie, er tut es bis heute nach jedem Spiel. Und lernte: Sie brauchen „Verortung“ – „mehr Zeitangabe, mehr Ort, mehr Meter“. Der 42-Jährige weiß jetzt alles über das Spielfeld, seine Haltepunkte sind Mittellinie, Mittelkreis, 16-Meter-Raum und jeder einzelne Meter dazwischen. Was er macht, um alles zu beschreiben, nennt er selbst „Wortakrobatik“; mit jedem Ball fliegen „seinen“ Leuten die Begriffe um die Ohren: vertikal, diagonal, hoch, flach und, je nach Links- oder Rechtsfuß an der Eckfahne, nach außen oder innen.
Er hat dabei diesen typischen Singsang der Radioreporter, und tatsächlich ist seine ja auch eine „90-Minuten-Vollreportage“, wie es beim Rundfunk heißt; Bliemetsrieder sagt, beide Formen seien „wie Bruder und Schwester“. Nur ist seine Arbeit ein großer Bruder. Er erzählt halbe Romane, während ein Pass noch unterwegs ist, und erklärt, während sich einer nur den Ball zurechtlegt, die Fußballwelt. Plus die Welt daneben: dass es beginnt zu regnen, dass der Trainer das Gesicht in den Händen vergräbt, dass jener Spieler im Jahr X vom Verein Y gekommen ist, dass das Publikum wahlweise begeistert oder empört von den Sitzen aufsteht und warum. „Keine Aufregung, die Schiedsrichter-Entscheidung war richtig.“

Markus Bliemetsrieder ist ein Viel- und Schnellsprecher. Foto Jens Lukas

Objektiv soll der Blindenreporter sein, aber ohne Emotionen ist er nicht. Er hüpft auf seinem Plastikstuhl auf der Pressetribüne, er gestikuliert, zeigt mit den Fingern die Torentfernung, spielt mit den Füßen mit und schreit, dass der gegnerische Trainer in Bochum seine Kritik im Rücken hören müsste. „Oh!“, ruft Bliemetsrieder einmal in brenzliger Situation vor dem Tor in sein Mikrofon, „da muss man ja einen Moment die Luft anhalten!“ Macht er aber nicht. „Man will ja auch richtig mitgehen können“, sagt Christopher Weißenborn auf seinem Blindenplatz, und Martin Ludenia ergänzt dankbar: „Der sagt sogar, wenn sich einer die Haare rauft. Das würden wir sonst überhaupt nicht mitkriegen.“

Weißenborn hält den Service, den der VfL Bochum seit sieben Jahren anbietet für immerhin fünf Blinde plus Begleitung, sogar für ein „Privileg“: Sein Fußball mit Kommentar sei „fast besser als für den, der alles sieht“. Weil der Blindenreporter selbst Dinge erläutert, die andere Fans sehenden Auges übersehen – Bliemetsrieder erklärt das Spiel. In all den Jahren hat der noch kein Spiel in Bochum oder Dortmund verpasst, kommentierte auch bei der Europameisterschaft in Österreich. Und hatte just beim Supercup in Dortmund seine allererste technische Panne: Der Strom setzte aus, und Stromausfall ist Tonausfall auf den Kopfhörern der Sehbehinderten.

Der VfL Bochum 1848 hat zwei Behindertenbeauftragte, die sich speziell um die Anliegen von Fans mit Behinderung kümmern: Steffi Tatge und Frank Schnellert teilen sich diese Aufgabe. Sie sind die Ansprechpartner, wenn Menschen mit Behinderung Karten für Heim- und Auswärtsspiele des VfL bestellen möchten. Außerdem sind die beiden an Spieltagen im rewirpowerSTADION vor Ort. Hier die Kontaktinformationen der Behindertenbeauftragten:
Steffi Tatge: Telefon (0174) 6779979
Frank Schnellert (0173) 5348945

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