Der einzigartige steinerne Bergarbeiter von Obercastrop

Artikel aus den Ruhr Nachrichten Castrop-Rauxel (Oktober 2018)

Was will uns dieser Bergmann sagen? In Obercastrop wacht er über einer Straße. Aber wer hat ihn geschaffen? Wer kümmert sich um seine Pflege? Wir sprachen einen seiner besten Freunde.

Der Obercastroper Hans-Georg Antholzer hat einen Nachbarn, der sein Wohnzimmer nicht nutzt, sondern das ganze Jahr draußen verbringt. Dazu sagen will dieser aber auch nichts. Denn es handelt sich bei dem Nachbarn um die 1,50 Meter große Bergarbeiter-Skulptur, die in die West-Seite des Hauses Am Breckenwinkel 18 eingearbeitet ist. Eine Nische in der Hauswand, wie sie andernorts Heiligenbildern vorbehalten ist, ziert diese Statue.

Hans-Georg Antholzer wohnt seit 1963 – seit seinem dritten Lebensjahr – in dem Haus Im Breckenwinkel 20. Über seinen steinernen Nachbarn sagt er: „In den ersten Jahren als Kind habe ich ihn nicht wahrgenommen. Wir wollten einfach nur vor der Haustür Fußball spielen und haben gar nicht nach da oben geschaut.“

In all den Jahren gab es keinen Vandalismus

Als er größer wurde, geriet die Skulptur aber ins Blickfeld von Hans-Georg Antholzer. Er meint: „Er sieht aus wie mein Opa Georg, der wie mein Vater Bergarbeiter war.“ Antholzer wollte ebenfalls auf Erin unter Tage arbeiten. Sein Vater untersagte das allerdings und unterschrieb ihm nicht den vorliegenden Ausbildungsvertrag. Er werde wohl geahnt haben, dass die Zechen auf dem absteigenden Ast seien, mutmaßt der heute 58-jährige Obercastroper. Er wurde Fahrradmechaniker und arbeitet in diesem Beruf in Dortmund.

Der steinerne Bergarbeiter ist in zwei Metern Höhe ins Mauerwerk eingebaut. Antholzer sagt: „Deshalb ist der Bergarbeiter auch in all den Jahren von Vandalismus verschont geblieben.“

Nachbar Hans-Georg Antholzer würde gern die Grubenlampe des Bergmanns Im Breckenwinkel entzünden. © Jens Lukas

Der einzigartige steinerne Bergarbeiter von Obercastrop

Hand angelegt an die Statue hat allerdings doch jemand. Ein ehemaliger Mieter pinselte vor wenigen Jahren beim Anstrich der Fassade auch gleich den Bergarbeiter an. Hans-Georg Antholzer sagt: „Er war vorher in dem Grau in Grau des Original-Putzes gehalten, wie die umliegenden Fassaden.“ Beim Anstrich soll kurzzeitig sogar die Idee aufgekommen sein, der ledernen Kappe, der weiteren Kluft sowie dem Schlegel und der Grubenlampe verschiedene Farben zu geben. Das Gedankenspiel wurde aber verworfen. „Leider“, sagt Antholzer, „ich hätte gerne gesehen, wenn die Flamme in der Grubenlampe gelb aufgeleuchtet wäre.“

Der Bergmann bekam nie einen Namen

Einen Namen bekam der steinerne Bergmann nie. Das weiß Klaus-Michael Lehmann vom Castrop-Rauxeler Erin Förderturm-Verein. Zudem sei die Figur einzigartig im Stadtgebiet: Zwar gebe es im Eingangsbereich des Agora-Kulturzentrums in Ickern eine Skulptur in einer Vitrine. Und im Ickerner Knoten stünde eine mannshohe Bergmann-Skulptur (Lehmann: „Ihm fehlt die Lampe“). Diese beiden seien aber nicht vergleichbar mit dem Obercastroper Bergarbeiter.

Er ist in seiner Nische recht gut vor Wind und Wetter geschützt. Hans-Georg Antholzer sagt: „Von Schnee musste er noch nie befreit werden. Und dadurch, dass Wind und Regen zumeist von Südwesten kommen, bekommt er davon kaum etwas ab.“ In den Sommermonaten steht er ab etwa 9 Uhr in der Sonne. Durch die flachere Bahn der Sonne im Winter bekommt die Statue dann weniger Licht-Stunden.

So entstand die Siedlung

Abseits der Durchgangsstraßen in einem beschaulichen Eckchen Obercastrops liegt die denkmalgeschützte Siedlung „Brecke“, in der Antholzer und der steinerne Bergarbeiter wohnen. Mit einem Einfallsreichtum, den man bei modernen Reihenhaus-Siedlungen vergeblich sucht, entstand hier Anfang der 1920er-Jahre ein Bergarbeiterquartier, dessen Charme sich auch heute kaum jemand entziehen kann. Zweigeschossige Mietshäuser und kleinere Gebäude, oft verschachtelte Anlagen aus mehreren Familienheimen sind verbunden mit Gärten, die einst Selbstversorgung dienten – mit Ställen für Ziegen, Kaninchen und Tauben.

Die Verantwortlichen der Zeche Erin hatten bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Interesse daran, die Bergleute an die Schachtanlage zu binden. Sie errichteten 1873 zwölf Wohnhäuser auf „Lakenbergs Feld“, den Grundstock für „Erin-Dorf“ rund um die heutige Christinenstraße.

Da der Wohnraumbedarf wuchs, errichtete die Gelsenkirchener Bergwerks AG zwischen 1920 und 1922 nach den Plänen des Architekten Schneidereit die Bergarbeitersiedlung rund um die Straßen Grüner Weg, Im Breckenwinkel und Breckenstraße.